Tag 1

Es geht los, der Beginn von etwas Neuem und Unbekanntem, etwas Gutem und Aufregendem. Ich fliege nach Asien, toure von Hanoi, der Hauptstadt Vietnams über Kambodscha, Thailand, Malaysia bis nach Singapur. 12kg am Rücken, unzählige Erledigungen hinter mir und an der Seite meiner Volksschulfreundin Karin. Der Flug geht vorerst nach Bangkok, dort steigen wir um in den Flieger nach Hanoi. Schon beim Gate fällt auf: ausgesprochen wenige Menschen fliegen mit uns. Wir sind in einem Flugzeug mit üblicher Größe für einen Langstreckenflug, mit 9 Sitzen pro Reihe. Schon beim betreten des Flugzeugs begrüßen uns zwei Flugbegleiterinnen mit gefalteten Händen und einer sanften Verbeugung. Auf ihren Gesichtern Schutzmasken, die Hände die nach unseren Tickets greifen tragen Plastikhandschuhe. Ein seltsames Gefühl, fast so als würde ich mich in Quarantäne befinden oder den Ort meiner Kasernierung eben betreten.
Und im Flugzeug bestätigt sich was wir draußen schon gesehen haben: kaum Menschen. Die Kapazitäten sind maximal zu einem Fünftel ausgeschöpft. Für uns wenige Passagiere ist das natürlich super: ausgiebig Platz. Ich strecke mich also auf 3 Sitzen aus, habe 3 Decken und 3 Polster zu Verfügung. Die ganze Reihe ist sonst leer. Viele tragen Gesichtsmasken und als ich plötzlich herzhaft niesen muss, errege ich die Aufmerksamkeit eines weiteren Passagiers: er schmunzelt und sagt, ich kenne das, ich habe Pollenallergie und löse zur Zeit in meiner Umgebung auch oft Alarm aus.
Seltsame Zeiten, in denen wir auf Reisen gehen.

PS
Während ich die Reise antrete von der ich schon lange träume, braut sich in Europa eine Krise zusammen. An der Außengrenze der EU spielen sich dramatische Szenen ab: der türkische Präsident Erdogan hat die Grenze zu Griechenland geöffnet. Die Griechen halten ihre Seite der Grenze aber geschlossen. Menschen werden mit Bussen von der syrischen zur griechischen Grenze der Türkei gebracht und es wird ihnen erklärt alles wäre offen. Frauen und Kinder, Alte und Schwache, Menschen die unmittelbar aus dem Krieg flüchten der in ihrer Heimat ausgetragen wird und ohnehin bereits schwer traumatisiert sind. Sie werden zum Spielball von Politikern und stranden an der Grenze, die für sie zur Sackgasse wird. Seit kurzem wird dort auch mit scharfer Munition geschossen.
Zeitgleich steht die Situation auf den griechischen Inseln vor der bereits lang angekündigten, unmittelbaren Eskalation. Oder vielmehr, es eskaliert bereits. Rechte Gruppierungen aus Athen haben sich unter die Bevölkerung gemischt und greifen Flüchtlinge an und attackieren freiwillige HelferInnen. Es ist die rohe Gewalt, die sprachlos macht und mit der man nicht gerechnet hat: Menschen versammeln sich an einem Pier und stoßen Menschen zurück, die versuchen von ihrem Schlauchboot an Land zu kommen. Freiwillige HelferInnen werden an der Fahrt zur Hauptstadt Mytilini gehindert – mit Schlagstöcken halten sie sie auf, springen auf Autos und schlagen darauf ein. Wenn man ein Mietauto fährt ist man leicht erkennbar als „kein Grieche“. Auch Journalisten berichten von Übergriffen, von zerstörten Kameras und brutaler Gewalt die bis ins Krankenhaus führt. Es ist eine Situation die man aus dem Geschichtsunterricht kennt und die man in der EU glücklicherweise schon sehr lange nicht mehr gesehen hat. Sie ist jetzt wieder da, die brandgefährliche Lage, in der man sich verstecken muss wenn man für die Grundrechte der Menschen eintritt.
All das im Kopf, fernab von allen aktuellen Nachrichten und in großer Sorge um meine Freundin die weiterhin auf der Insel ist, versuche ich zu schlafen am Flug in Richtung Asien.
Seltsame Zeiten, in denen wir auf Reisen gehen.